tell’s house (2012)

 

tell’s house

Beda Zimmermann . Literatur-Club Bad Ragaz .
Text zu Kunstwerk Nr. 23 von Cornelia Konrads

Tell's Haus / Verwachsung

Auf den ersten Blick nichts als Bretter, die einen Baum verunstalten. Daneben ein Auto, auf die Wiese parkiert, ein kleiner VW Combi, parkiert auf den Golfplatz in Bad Ragaz, im vornehmen Teil des Dorfes, im Grand Resort. Auf dem Golfplatz, nicht auf dem Dorfplatz. Man stelle sich das vor: Jedermann parkiert seinen Kleinwagen auf dem Golfplatz. Wenn da ein Mercedes hingestellt wird, mag das hinhauen, ein Maserati würde besser hinpassen, ein Lamborghini dürfte bestimmt stehen bleiben. Anders sieht das aus bei einem kleinen Combi-Volkswagen, keinem Golf, dann noch mit deutschem Kennzeichen, undenkbar.

Hinter dem Bretterhaufen bewegt sich eine Frau. Sie ist an der Arbeit, baut an einem Kunstwerk. Ich habe gehört, dass man mit den Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kommen kann. Also, nichts wie los, zu der Künstlerin.
Schaue noch einmal, ob alles entsprechend sitzt. Sonnenhut, Poloshirt, Sommerhose. Alles im Lot. Kein erkennbares Risiko. Mir ist nicht bewusst, dass ganz in der Nähe Golfloch zwölf und dreizehn sind. Bedächtig nähere ich mich von hinten der Kunst und der Künstlerin.
Erst jetzt sehe ich das richtig. Das ist ein Stall. Und dieser Stall scheint Richtung Nordwesten eingeknickt, droht im Morast der Golfanlage sanft und allmählich zu versinken. Hätte er nicht einen Rettungsanker ausgeworfen, würde er in dieser künstlich gepflegten Anlage verschwinden. Nun wächst aber aus dem Ast eines Brettes der Seitenwand ein Baum in die Höhe.

«Ach», frage ich die Künstlerin, «stört es Sie, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle?» «Eigentlich schon. Ich bin an der Arbeit, brauche meine ganze Konzentration. So ein Wortwechsel kann einen schon aus dem Arbeitsrhythmus und den entsprechenden Denkprozessen werfen.» Sie, die Künstlerin denkt und arbeitet. Hätte ich wissen müssen. Eigentlich wären meine Fragen auch zu banal gewesen, hätte sie nur fragen wollen, weshalb sie die Ziegel Kopf über hinsetze, müssten doch an der Querlattung hängen, um nicht von der Lattung zu fallen. Und weshalb sie auf eigenes Risiko, eine Landschaft beleben wolle.
Noch einmal, es gilt zu bedenken, dass ihre Installation im Einzugsgebiet von Loch zwölf steht oder versinkt. Das hatte ich in der Zwischenzeit bemerkt. Sie kennt die Gefahr offenbar auch, trägt Helm, hat ihr Haupt geschützt. Nicht nur Skifahrerinnen und Radfahrer auch Künstlerinnen tragen mittlerweile Helm.

Da winkt von der anderen Seite eine Golferin. Ich winke zurück. Sie winkt noch einmal, ich ebenfalls. Eine sehr freundliche Frau, denke ich. Jetzt setzt sie den Ball und schiesst ihn in meine Richtung. Erst jetzt wird mir klar, dass sie mich eigentlich hat warnen wollen, mein Winken als Einwilligung und Aufmerksamkeitsbereitschaft gedeutet hat. Nicht auszudenken, ich hätte diese Szene mit einem Golfer erlebt. Bestimmt hätte der schnell die Geduld verloren, den Ball hingesetzt, einmal den Arm gehoben und nach der Probebewegung zum Schlag angesetzt. Der hätte mich mit dem weissen Ball glatt abgeschossen, getreu dem militärischen Leitspruch: «Mit Verlusten muss gerechnet werden. Der Mensch ist ersetzbar. Nur dem Material muss Sorge getragen werden.»
Eines wird mir jedenfalls klar: Diese Künstlerin arbeitet unter permanenter Lebensgefahr.

Eine Woche später. Ich befinde mich auf dem Weg ins Thermalbad. Da steht der VW Combi mit deutschem Kennzeichen erneut in der Nähe des noch jungen Apfelhochstammbaumes. Der steht mittlerweile in voller Blüte. Auch die Künstlerin ist da. Ich sehe nur ihren Oberkörper. Macht sie sich am Dach zu schaffen oder hält sie sich mit letzter Kraft am Dach fest? Droht auch sie im Golfmoor zu versinken, der eigenen Verwachsung zum Opfer zu fallen?
Auch vom Golfspieler in der Ferne kann ich nur die weisse Golfermütze und den hellen Pullover erkennen.
Eine unüberlegte Rettungsaktion könnte für mich gefährlich werden. Ich erinnere mich an die Moorleichen, die in Deutschlands Norden und in Dänemark zur Schau gestellt werden. Nicht wirklich erbauliche Geschöpfe. Es kann nicht mein Ziel sein, an einer künftigen Bad RagARTz in einem Schaukasten als Golfplatzmoorleiche ausgestellt zu werden. Nein, eine schnelle Aktion, um dereinst als Moorgolfleiche wieder aufzutauchen oder für einmal an einem Sommerwochentag in der regionalen Tagespresse auf der Frontseite zu stehen, wäre mehr als fraglich gewesen. Ich stelle mir den Titel vor:
Sensationelle Rettungsaktion an der Bad RagArtz. Darunter fett in grossen Lettern:

Geistesgegenwärtiger Rentner rettet Künstlerin unter Einsatz seines Lebens vor dem sicheren Tod
oder
Jugendlicher Rentner rettet Künstlerin vor dem Untergang
oder
Rüstiger Rentner zieht Künstlerin aus dem Sumpf

Ich bin froh, dass die Künstlerin hinter ihrem Objekt hervortritt, einen sichtlich unverkrampften Eindruck erweckt, ein Brett hervorzieht und versucht, es an ihrem Kunstwerk einzupassen, sodass auch ich mich entsprechend entspannen kann, zumal auch der Golfer, am Horizont in ganzer Grösse erkennbar ist, eben zum Schlag ansetzt. 

Wieder eine Woche später. Ausstellung ist eröffnet, das Auto steht nicht mehr auf der Wiese. Ich suche nach Resten des Combis, ob vielleicht da oder dort Teile des versinkenden Autos zu entdecken sind, die Hälfte der Frontscheibe, schräg, oder den Fond des Kombis, die offene Türe mit den Brettern. Aber nichts ist zu sehen, auch von der Künstlerin fehlt jede Spur.
Immerhin kann ich jetzt auf einem grünen Täfelchen ihren Namen nachlesen, da steht, wie auf einem Urnengrab, mit weissen Buchstaben: Cornelia Konrads, 23. Dreiundzwanzig, ist das ihr Alter oder ist das ihr Geburtsjahr? Auf Grund meiner Beobachtungen und ihres Aussehens passt weder das eine noch das andere. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass sie noch lebt, denn eine zweite Zahl ist nicht zu sehen. Hingegen entdecke ich gleich daneben eine sehr grosse Tafel, riesige Schriftzüge, deutsch und englisch, mit Rasennägeln auf dem Boden festgemacht:

Haben sich meine Befürchtungen doch bewahrheitet?
Da war im Dorf gleich nach Vollendung ihres Kunstwerks die Rede von einer vermissten Künstlerin. Man suchte sie in der Ostschweiz und im Süddeutschen Raum, fand aber nur ihren Lieferwagen. Erneut auf einer Golfanlage. Diesmal genau in den Lochplatz dreizehn hineinparkiert. Von der Fahrerin fehlte jede Spur.

Ich untersuche das Kunstwerk noch genauer, entdecke die Glasziegel. Vielleicht hat sie irgendwo einen Geheimeingang und lebt im Untergrund, taucht ab, steigt nachts aus ihrem Versteck und besucht die neue Installation auf dem hochalpinen Golfplatz von Arosa. Dank den Glasziegeln hat sie stets Tageslicht. Ich schaue durch die Ziegel ins Innere, sehe, dass das Gras wächst. Vielleicht hat sich die Künstlerin hier verkrochen, hat sich eine Überdosis Amphetamin gespritzt, hat ins Gras gebissen und verlandet zusammen mit ihrer Installation. Die wahre Geschichte wird die Polizei herausfinden müssen.

Ich kann nur soviel sagen:
Die Sache geht mir arg nahe. In der Nacht sehe ich diese hell und adrett gekleideten Golferinnen und Golfer durch die Landschaft irren. Sie suchen in den Sumpflandschaften nach ihren Golfbällen. Haben sie den Ball geschlagen, ist es für sie schwierig, einen Weg zum Putt zu finden. Nicht selten sehe ich eine Golferin oder einen Golfer im Moor versinken. Die eigens zu diesem Zwecke ausgebildeten Rettungsteams versuchen zwar die Sinkenden zu bergen, aber manche sterben doch einen elendiglichen, für ältere Golfer jedoch ehrenvollen und heldenhaften Golfmoorerstickungstod und werden auf dem eigens zu diesem Zwecke eröffneten Golferfriedhof mit Ehrengeleit bestattet. Längst sind ihre hübschen Golfcars im Moorland stecken geblieben und versunken. Auch ihre mit Motor angetriebenen dreirädrigen Pushtrolleys taugen nichts mehr. Fast alle ziehen wieder den zweirädrigen Caddywagen oder mieten sich einen Golfboy, der ihnen, wie in alten Zeiten, die Golftasche durch die Sümpfe trägt. Golf, ein reizvolles Wagnis.

Mich verfolgt die Verwachsung, die allmähliche Überflutung, mit jedem Tag mehr. Sogar in der Nacht sehe ich den sinkenden Stall, die Sumpflandschaft, die versunkene Künstlerin, den Urrhein, der den Damm wegfrisst, mäandernd die Landschaft zurückerobert, dazwischen den weissen Herrn mit dem Golfschläger, der in den Sümpfen nach Löchern sucht, den Ball nicht mehr findet, den Fischen begegnet, sehe die Moorleiche, die ans Dach klopft, langsam die Ziegel hebt, hervortritt und leben möchte.

Eine Frau eilt vorüber. Ich weiss nicht, ob sie ahnt, was hier geschieht, wie das alles bald aussehen wird. Die Verwachsung.
Das Versinken in der Landschaft.
Die Natur ganz und gar sich selbst überlassen.
Ich laufe nachdenklich auf die Strasse zurück. 
Fährt ein weisser VW Combi an mir vorbei.
Frau am Steuer. War das nicht …
ja, genau, … CK im VW.

© beda zimmermann 11/07/12

 

Zum Seitenanfang